Der Grundkurs «Traumatisierte Menschen begleiten» zeigt: Auch Laien können in kurzer Zeit wirksame praxisnahe Hilfe leisten – innovativ und dringend notwendig.
In unserer Gesellschaft leben viele traumatisierte Menschen. Besonders Geflüchtete, die aus Kriegsgebieten oder aus wirtschaftlich schwierigen Situationen in unser Land kommen, sind überdurchschnittlich häufig betroffen. Viele von ihnen haben Schreckliches erlebt, sind von ihren Liebsten getrennt und leben in ständiger Sorge um Familienangehörige, die im Herkunftsland zurückgeblieben sind. Gleichzeitig sollen sie in einem fremden Land Fuss fassen – in einer Kultur und Sprache, die ihnen unbekannt sind. Kein Wunder ist dies für viele eine massive Überforderung.
Doch auch wir als aufnehmende Gesellschaft sind oft überfordert. Wir können diese Menschen nicht wirklich verstehen – weder ihre Sprache noch ihr Leiden. Viele möchten helfen, wissen aber nicht wie. Ohne Fachwissen können gut gemeinte Versuche rasch scheitern.
Bestehende Angebote setzen häufig voraus, dass Betroffene zunächst Deutsch lernen und sich integrieren, bevor sie psychologische Hilfe erhalten. Gleichzeitig wissen wir, dass psychologische Dienste bereits heute an der Grenze ihrer Kapazitäten arbeiten. Die WHO hat deshalb ein Programm entwickelt, um Laien auszubilden, damit Hilfe niederschwelliger zugänglich wird.
Diesen Herausforderungen stellt sich auch Formation 21C mit einem einzigartigen Kursangebot. Christoph Schum, Leiter des Missionswerks, erklärt, dass traumatisierte Menschen häufig Blockaden haben, die das Erlernen einer neuen Sprache und das Ankommen in einer neuen Kultur deutlich erschweren. Formation 21C setzt deshalb bewusst auf Kurse, die in andere Sprachen übersetzt sind. So können Betroffene Hilfe in ihrer Muttersprache erhalten und sich mit Landsleuten austauschen.
Laut Christoph Schum zeigt sich immer wieder: Wenn Traumata verarbeitet sind oder Menschen lernen, mit ihnen umzugehen, fällt das Erlernen der deutschen Sprache plötzlich deutlich leichter. So erging es auch der Ukrainerin Victoria*. Sie lebte schon eine ganze Weile in der Schweiz und hatte grosse Mühe, die Sprache zu lernen. Sie besuchte den Kurs «Traumatisierte Menschen begleiten» und lernte in ihrer Muttersprache, ihr eigenes Trauma zu bewältigen – und gleichzeitig löste sich auch die Blockade beim Erlernen der neuen, anspruchsvollen Sprache. Heute macht sie grosse Fortschritte und möchte nun selbst andere Landsleute bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse unterstützen.
Der Einführungskurs «Traumatisierte Menschen begleiten» richtet sich an Menschen jeden Alters, jeder Kultur und Sprache – sowohl an Betroffene selbst als auch an Personen, die Menschen in solchen Lebenssituationen begleiten. Die Teilnehmenden lernen, akute Belastungsreaktionen (ABR) sowie posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) zu erkennen und Betroffene angemessen zu unterstützen. Vermittelt werden aktuelle und anerkannte Interventionsmethoden, die dabei helfen, eigene Erfahrungen zu bewältigen und andere kompetent zu begleiten.
Die Ausbildung umfasst sechs Kurstage, verteilt auf zwei Monate. Vier Tage finden vor Ort beim jeweiligen Veranstalter statt, zwei online. Zwischen den Schulungseinheiten wird das Gelernte praktisch angewendet. Der Kurs wird auf Deutsch durchgeführt und derzeit auf Ukrainisch, Russisch, Arabisch und Persisch übersetzt; weitere Sprachen können folgen. Der Kurs wird von qualifizierten Fachpersonen geleitet und von erfahrenen Mentoren unterstützt. Dozent ist Dominik P., MTh, zertifizierter Traumaspezialist mit über 12 Jahren Seelsorge-Erfahrung.
Ein zentrales Thema des Kurses ist immer wieder die Vergebung. Sowohl in der Bibel als auch in der Psychologie gilt sie als wichtiges Instrument, um Geschehenes loszulassen und seelische Belastungen zu lindern. Das Leben von Jesus dient dabei als Inspiration.
So erging es auch Anastasia*. Sie besuchte regelmässig einen Schweizer Gottesdienst und weinte dort häufig. Kateryna*, die selbst den Kurs besucht und ihr eigenes Trauma aufgearbeitet hatte, kam immer wieder mit ihr ins Gespräch und setzte das Gelernte ganz praktisch um. Anastasia* erzählte von ihrem schönen Haus an einem idyllischen See, welches im Krieg vollständig zerstört wurde. Sie zeigte Bilder des Hauses vor und nach der Zerstörung. Als sie vergeben und akzeptieren konnte, dass sie aus ihrer Heimat vertrieben worden war, fand sie zu neuer Ruhe – ja sogar zu Freude. Ihr Leben erhielt wieder Sinn und Perspektive.
Viele Menschen aus Kriegsgebieten werden immer wieder neu getriggert: durch Nachrichten aus der Heimat, Berichte über neue Ereignisse oder Informationen von Freunden und Familienangehörigen. Es ist für sie entscheidend zu lernen, daran nicht zu zerbrechen. So etwa Elena*, eine junge Frau Mitte zwanzig. Sie hatte den Kurs besucht und ihr Trauma verarbeitet. Als ihr Freund plötzlich in die Armee eingezogen wurde, war sie erneut schockiert und hoffnungslos. Doch unter Tränen sagte sie: «Ich weiss jetzt, wie ich damit umgehen kann, damit ich nicht krank werde.»
Oder Zarah*, die vor dem iranischen Regime geflüchtet war und von den jüngsten Aufständen in ihrem Heimatland erfuhr. Für viele Menschen aus dem Nahen Osten bedeutet Familie und Verwandtschaft weit mehr als nur soziale Nähe – sie sind Teil der eigenen Identität. Umso verzweifelter war Zarah, als sie über längere Zeit keinen Kontakt zu ihren Angehörigen hatte und nicht wusste, wo sie waren oder wie es ihnen ging. Sie will sich nun ausbilden lassen, um Hilfe für sich zu bekommen und auch ihren Landsleuten zu helfen.
Manche traumatisierte Menschen sind ohne Unterstützung kaum gesellschaftsfähig. Sie werden psychisch, manchmal auch körperlich krank. Umso wichtiger ist eine Arbeit wie jene von Formation 21C: Menschen lernen, sich selbst zu helfen und andere zu unterstützen. Viele erfahren dadurch neue Hoffnung und Stabilität. Selbstverständlich braucht es in bestimmten Situationen weiterhin professionelle Hilfe durch Psycholog/- innen, Psychiater/- innen oder Ärzte und Ärztinnen.
Diese Arbeit ist wertvoll und bereichernd, aber auch herausfordernd. Wir sind auf freiwillige Mitarbeitende, Veranstalter, Übersetzerinnen und Übersetzer sowie auf finanzielle Unterstützung angewiesen.
Bist du interessiert, einen der Kurse zu besuchen, oder kennst du Personen, für die dieses Angebot hilfreich sein könnte? Vielleicht kannst du auch einen Veranstaltungsort zur Verfügung stellen oder sonst auf eine Weise mithelfen.
(*Namen geändert)
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